MySlam.net ist ein Web-Portal, das sich mit Poetry Slam, Spoken Word und Bühnenliteratur befasst. Hier findest du Poetry Slam Locations, Termine, Poeten und Multimedia.

Forum - Poetry Slam Magazin - U20- Deutschland, deine Slammer. Irgendwann wir...

Sophie Passmann

U20- Deutschland, deine Slammer. Irgendwann wird jeder groß.

Irgendwann. Aber erstmal muss sich der gemeine U20Poet mit ungläubigen Lehrern („Du schreibst also Gedichte!“), besorgten Eltern (“Du schreibst also Gedichte?!“) und irritierten Freunden („Du schreibst also Gedichte…“) herumschlagen. Ein U20Leben.
Ich halte kurz inne.
„Soll ich dir das jetzt wirklich erklären?“
Mein Klassenkamerad zuckt mit den Schultern.
„Ne, eigentlich isses mir egal.“
Der junge Mann, mit dem ich regelmäßig meine Mathehausaufgaben vergleiche und ergänze, hatte hinter meiner Müdigkeit und meinen Augenringe wohl einen Trinkexzess in irgendeiner dubiosen Freiburger Kneipe erwartet.
Sein Gesichtsausdruck schwankte dementsprechend zwischen Erwartung und Schadenfreude, die zwei Wörter, die aber eigentlich für meinen heutigen Gemütszustand verantwortlich waren, nahmen ihm alle Gefühle dieser Welt aus seiner Visage.
„Ne, ich war auf einem Poetry Slam.“
„Ein was?“
Und hier sitze ich jetzt, mein Klassenkamerad ist von dannen gezogen und unterhält sich mit irgendjemandem, der wirklich besoffen war gestern. Ist vermutlich besser so.

Und ich schaue mich um und fühle mich wie dieser Coke Zero Typ aus der Werbung, geheimnisvoll, über-den-Dingen-stehend und trotzdem kann ich meine Coolness mit niemandem teilen, weil ich anstatt mit einem Helikopter nach hause zu fliegen, gestern auf einer muffigen kleinen Bühne gestanden bin und Texte ins Mikrophon gespuckt habe.
Und so was finden meine Leute für gewöhnlich gar nicht cool. Ich beschließe meinen Kopf also auf die Tischplatte zu legen und mir eine jugendtaugliche Version für meinen Zustand zu überlegen.
Gangsterrap gehört und ’ne Line gezogen.
In einer Schlägerei vor einer Disko geraten.
An einem literarischen Dichterwettstreit teilgenommen.
„Sophie, was isch los mit dir? Häsch gsoffe?“
Ich beschließe, noch nicht einmal meinen Kopf zu heben um den ihn schütteln, ich stoße einfach ein in viele Richtungen interpretierbares „hmmmm“ aus.
„Oder warsch widda uff einem vun dinnere Poetry Slam?“
Jetzt hebe ich den Kopf aber doch.
Mein Gegenüber besteht aus zwei besten Freunden, ein bisschen an Dick und Doof erinnernd, Dick hast das Wort übernommen und es scheint als müsste er sich gar nicht anstrengen, Poetry Slam zu sagen.
„Ja, war ich wirklich.“
„Mir hänn din Video uff Youtube gsänne.“
Dabei deutet er mit einem kurzen Nicker auf Doof, der grinst.
„Du bisch a Comedian, gell?“
„Nee, also weißt du, eigentlich nennen wir uns Slam Poeten oder so…“
Dick sieht fast ein bisschen enttäuscht aus.
„Also nitt so wie de Mario Barth?“
Gedanken rasen durch meinen Kopf.
Sie wissen es nicht besser. Aber man kann auch seinen gesunden Menschenverstand benutzen, niemand will mit Mario Barth verglichen werden. Aber sie sind den anderen um Längen voraus, sie wissen, was ein Poetry Slam ist.
Sie wissen es nicht besser.
MARIO BARTH.
Ich bin gnädig.
„Nein, nicht so wie Mario Barth, eher so wie… äh… kennst du Sebastian23?“
Leere Gesichter, geschüttelte Köpfe.
„Hätt der kinn Nachnome? Wieso heißt dä 23?“
Doof sieht seine Möglichkeit, einzusteigen.
„Dem sinne Mürder hätt kinn Nachnome.“
„Doch, hat sie. Und er auch. Der hat sich halt so genannt. Schau dir mal die Videos an von ihm. Das ist echt gut. Noch besser als Oliver Pocher.“
Ich überlege, ob ich zwinkern soll, aber das würde sie nur weiter verwirren.
„Da Oliver Pocher hätt ä neus WM Lied rüsbroocht, des isch voll geil.“
„Ja, wart, ich habs uffem Handy.“
Dick holt sein Handy aus der Tasche und beginnt, hurtig mit seinen kleinen Wurstfingerchen darauf rumzudrücken, ohne mich weiter zu beachten gehen sie.
Kurz überlege ich, ob ich hinterher rufen soll, dass ich Schnaps gewonnen habe, was würde die Gemüter beruhigen und begeistern.
Nein, ich entscheide mich wieder für die Kopf-Tischplatte Variante und frage mich, ob ich nicht umsteigen soll zu Rapbattle oder Graffitisprühen, irgendwas, das tight genug für meine Leute ist.
„Deine Videos sind echt gut.“
Ich drehe meinen Kopf.
Viktoria ist klein und leise und hört meistens zu, anstatt zu reden, so scheinbar auch eben bei dem Gespräch mit Weichhirn und –käse.
„Danke.“
„Ich war auch schon mal auf einem Poetry Slam, als ich meine Schwester besucht habe, und ich kenne sogar Sebastian23.“
Ich setze mich sogar auf.
„Echt, das ist ja super!“
„Ja, ich schau mir voll gerne die ganzen Videos bei youtube von den Slammern an, die sind echt total witzig.“
Sie wirft kurz Namen in den Raum, von denen ich meist ehrlich behaupten kann, sie zu kennen und/oder sogar schon einmal gegen sie geslammt zu haben.
Es werden Erstaunen und Wettebewerbsergebnisse ausgetauscht.
Meine Laune bessert sich erheblich und bläst mich auf wie einen roasrotern Gute-Laune-Luftballon auf; ich möchte Viktoria zu meiner persönlichen mit-dir-kann-ich-über-aller-sprechen-Königin der Klasse machen, doch kurz, bevor ich die Krone wienern kann sticht sie meine überschwänglichen Gefühle mit einem kleinen Satz aus mir raus.
„Aber so gut wie Mario Barth ist das trotzdem nicht.“
Ich nicke und läche höflich auf diese nein-das-macht-mir-nichts-aus-dass-ihr-Dackel-mit-am-Esstisch-sitzt-Weise, lege meinen Kopf wieder auf die Tischplatte und warte auf den Matheunterricht.
Unter den Blinden ist der Einäugige eben König.

Sophie Passmann wird gesponsort von MySlam

MySlam

MySlam:
Living Poets Society


Weitere Informationen zum Sponsoring Program auf MySlam.net': Kunst.Brot.Los!

Folge uns

Twitter   Facebook   MySpace  

Sophie Passmann

Sophie PassmannSlammt und lebt. Schreibt und schweigt ganz viel, wenn sie nicht gerade lächerliche Mengen an Bier getrunken hat oder eben slammt.

passmann.blogspot.com