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Herbert Beesten

Deutschland ein Poetry Märchen? Comedy Slam?

Deutschland, ein Poetry-Märchen!


 

Ein Land der Dichter und Denker – möchten wir sein?

Wundert es da: Poetry-Slam-Boom?

 

Ich war gestern auf einer der größten Slams – war einer von 750 Zuschauern und in dieser Woche auf zwei anderen Slams – als aktiver „Slammer“. Bin auch sonst deutschlandweit als passiver und aktiver Slammer unterwegs, so dass ich behaupte, in etwa einen Überblick zu haben.

 

Ob ich gewinne hängt von vielen ab: Wie gut bin ich drauf, wie ist mein Text?

Wer ist sonst noch da? Was für ein Publikum? Wie wird abgestimmt? Was ist mit der Reihenfolge der Vorträge? Alles Fragen die über das persönliche Abschneiden entscheiden.

 

Mag sein, dass mein persönlicher Frust beim Abschneiden mein Blick leitet, obwohl ich mich hier und da auch mal über gute Platzierungen in Slams erfreue, denn ich mache mit, um zu gewinnen, zu mindest möchte ich das Finale erreichen.

 

Trotzdem beschleichen mich Zweifel, ob sich der Poetry-Slam in Deutschland in die richtige Richtung entwickelt, habe ich doch zunehmend den Eindruck, dass es sich mehr um Comedy-Slam handelt als es um Poesie, sich mehr um Witz-Effekte mit Sekunden-Habwertszeit als um Literatur handelt.

 

Ich kann mich nicht damit abfinden, dass ich alle ca. 5 Sekunden einen Lacher produzieren muss, am besten mit witzigen klischeehaften Abhandlungen über Saufen, Fernsehen, Drogen, Sex, StudiVZ, Konsumverhalten, GEZ, Rockfestivals, Bushido (schreibt der sich so?) ...etc. ... ach ja, die „Bahn“ darf nicht fehlen .. . Kann mich nicht damit abfinden, dass ich mich überheblich zu Lasten von Randgruppen äußern soll, oder der vermeidlichen Bürgerlichkeit meinen Widerwillen bekunde, müsste ich doch dabei grad stammtischähnliche Denkprinzipien bedienen.

 „Wie schlau bin ich“ (und meine Zuhörer), wie doof sind „die“ (Anderen). Dabei ist es doch fatalerweise erforderlich, dass sich alle, also Vortragender und Publikum, sich in diesen vorgenannten Themen gut, sehr gut auskennen – denn sonst zünden die Pointen nicht!

 

Mag sein, dass ich als älterer Mensch die Gefühlswelt von 20 bis 35jäjrigen nicht nachempfinden kann. Aber dann sollte sich die Protagonisten nicht auf Marc Kelly Smith berufen – dem „Slam-Papi“, der in den 80er-Jahren etwas anders als „normale Wasserglas-Lesungen“ mit dem Poetry-Slam kreieren wollte, aber bestimmt nicht „Main-Stream-Comedy“ meinte! Auch heute noch in Chicago die Poesie mit „Spoken Words“ in den Vordergrund stellt.

 

Okay, die Leute, also die Poetry-Slam-Besucher wollen Unterhaltung, Kurzweil, weil sie das von den (Mainstream)-Medien so gewohnt sind – meinen etwas besseres zu sein, weil sie sich in den „Ersatzhandlungen“ der Slammer irgendwie wiederfinden – und damit dann schon ausreichend sublimiert haben, was sie dann als echtes Frustergebnis  im richtigen Leben nicht mehr raus lassen müssen.

 

Sind wir – also die Slammer – hier nicht im Grunde die wohlfälligen Hofnarren?

 

Geben wir nicht Anlass zu grölenden Schenkelklopfen, in denen wir gängige, von allen leicht zu verstehende Klischees bedienen?

 

Das eigene Saufen und extrovertierte Gehabe ist gut, geil, richtig, ist Leben - wenn es aber andere Menschen machen, ist es plötzlich dumpf, stumpf, primitiv, zum wegschreien?

 

Keine Frage! Es gibt in der Poetry Szene gute, sehr gute Leute. Ich habe einige gesehen und bewundert – so gut werde ich nie - die mich sehr beeindrucken, die geil, kreativ und ungewöhnlich sind, Themen angehen, die auch Tiefgang haben und auch einem zweiten, nicht nur Effekt haschenden Blick standhalten, Wort– und Lautkreationen bringen, die geistigen, lustvollen Orgasmen entsprungen sein müssen.

 

Aber ich habe auch viele gesehen, die die weiter oben beschriebene Entwicklung leider weiter pushen.

 

Also, sollten wir nicht über die neue Kategorie „Comedy-Slam“ nachdenken?

 

Trotzdem muss der klassische Poetry-Slam „nicht unlustig“ sein, aber eben nicht nur lustig! Der Poetry Slam kann Neues bringen, eben tatsächlich neues (was literarisch natürlich ein hoher Anspruch ist), sich mit tatsächlichen aktuellen Fragen und Problemen auseinander setzen, und natürlich auch „Grundanliegen“ bedienen, wie Liebe , Angst, Trauer, Freude, Frühling ... einen neuen Frühling ...

 

Also: Schluss mit „nur Lustig“, die Welt ist kein „Quatsch-Comedy-Club“!

 

Herbert Beesten