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Martin Hagemeyer

Große Freiheit Nummer 15. SLAM2011, Hamburg - die Zweite.

[Große Freiheit Nummer 15: SLAM2011, Hamburg – die Zweite]


Ein paar Schritte hinaus ins Halbdunkel, viertausend Menschen entgegen, und in die viertausendfach gehaltene Stille hinein die ersten Worte eines Textes sprechen, den nur man selbst kennt: Man muss kein Slammer sein, um zu ahnen, dass es ein besonderer Moment war, beim Finale der SLAM2011 die Bühne der o2 World-Arena zu betreten. Acht Poeten waren es im Einzelwettbewerb sowie sechs Teams, die sich in Hamburg in den drei Tagen dieser 15. deutschsprachigen Slam-Meisterschaften zuvor durch Vorrunden und Halbfinals hinweg gegen 103 (Einzel) beziehungsweise 24 weitere Acts (Team) durchgesetzt hatten. „Unerfahrene Literaten mit zitternden Händen auf winzigen Bühnen sind genauso wichtig für Poetry Slam“: Ob dieser spätere Hinweis der Hamburger Slam-Veranstalterin Tina Übel im Interview in den Dimensionen der Halle unmittelbar neben dem Fußballstadion so recht Gehör fand, mag man bezweifeln. Klar bestätigen konnte das Finale aber eine andere Aussage der „Ziehmutter“ von Final-Moderator Michel Abdollahi zum Kunst-Werk Poetry Slam: „Jeder erfindet es neu.“

Dass man sich als Slammer nach wie vor viele Freiheiten heraus nehmen kann, bewies denn auch schon Till Reiners, der erste Teilnehmer. Der Sieger der Landesmeisterschaft Berlin hatte erst Stunden zuvor seine mitgereiste Freundin per Handy informieren können, dass das Los des gefürchteten Starterplatzes soeben ihn ereilt hatte. In diesen Tagen häufiger Kritik an den sozialen Netzwerken drehte er den Spieß gleich einmal um und erklärte die Bedenkenträger zu „Zukunftsverweigerern“: „Was habt ihr eigentlich gemacht, als der Vorgänger von Facebook erfunden wurde?“ Damit meinte er: „das Telefonbuch.“

Vielfalt zeigte sich dann prompt auch bei sonstigen Texten zu Zukunft und Vergangenheit. Laurin Buser, fürs Finale qualifiziert als Titelverteidiger in der Kategorie U20, forderte im folgenden Beitrag energisch: „Vergiss die Wut nicht“, begann in Reimen, um dann aber die Feststellung „Da reimt sich alles außer ,früher‘ und ,heute‘“ zum Kehrvers zu machen. Frühere Schuld, so die Assoziationskette des bemützten Burschen, wird immer weiter gegeben: Ob zwischen Palästinensern und Israelis oder vom Schiedsrichter zum „Blickwinkel“ („Immer ich“, beschwert sich der Blickwinkel).

Mochten die ersten Auftritte des Abends und auch spätere so manches Mal gekonnt die Lachmuskeln strapazieren, so sorgte theresa hahl mit ihrer Variante, ihr eigenes Ding zu machen, eher für Gänsehaut: Mit Strickschal und sparsamen Gesten trug sie „Drei Lebensweisheiten in vier Strophen“ vor, besser gesagt: nahm sie zum Anlass, zum eigenen Philosophieren im Alltag aufzufordern. Denn: „Das Rezept für Zufriedenheit steht uns noch von letzter Nacht auf der Hand.“ Mit 43,4 Punkten, die die Zuschauerjury diesem lyrischen Beitrag insgesamt gab, stellte die für Mainz Angetretene sich vorüber gehend an die Spitze der Wertung.

Seit 2000 schließen die Slammeisterschaften den gesamten deutschsprachigen Raum ein, und so begann Renato Kaiser aus St. Gallen den vierten Act unüberhörbar „schwyzernd“. Seine Version der Geschichte vom kunstsinnigen Pygmalion, der von Apoll bei der Balz überlistet wird, endete als ironischer Appell an die (in mehreren Exemplaren ja doch anwesende) Dichterzunft: „Wer, statt mit dem richtigen Weibe, sich mit Reimen beschäftigt, der fühlt sich am Ende zu Recht von den Göttern verlassen.“ Sollte das ein Wink mit dem Zaunpfahl gewesen sein?

Beide letztgenannten Beiträge dürften Marc Kelly Smith gefallen haben, falls er sie sprachlich verfolgen konnte: Der Urvater des Poetry Slams aus den USA gab sich in der Hamburger Arena zum Ende des Einzel-Teils persönlich die Ehre und rief ganz ähnlich zu Lebendigkeit auf – allerdings noch um einiges einnehmender: „Kiss it, kick it, scream it – but do it NOW.“ Der Pionier, der 1986 in Chicago diese moderne Performance-Literatur begründete, hatte schon bei der Eröffnungsveranstaltung im Thalia Theater beeindruckt.

Zunächst ging es in der o2 World aber mit dem „National“-Slam (sprich neudeutsch: „näschonell“) weiter; und Titelverteidiger Patrick Salmen widmete sich modischen Belanglosigkeiten mit hörbarer Verachtung in der Stimme – hörbar, aber (es war schließlich Salmen): stimmlich wohlklingend. Vom Promidinner über Spiegelreflexkameras spottend bis hin zu pseudo-originellen Urlaubsfotos schloss er konsequent: „Ich stand auf und tötete alle.“ Wie eingangs angedeutet: Slammer dürfen eben alles – zumindest in Worten.

Dass sie auch auf Publikumsbeteiligung setzten dürfen, daran erinnerte als Nächster Sebastian 23. 2008 Vizeweltmeister im Poetry Slam und weiterhin ein großer Name in der Szene, gab er quer durch seinen Vortrag immer wieder per Hand das Signal ans Publikum, das Wort „FÜNF“ zu skandieren. Das bezog auch Lokalspezifisches ein: Die Millionen „für die Elbphilharmonie?“ bezifferten die Zuschauer aufs Zeichen hin lautstark mit (stark untertreibenden) Fünf ebenso wie am Ende die Frage: „Wie viele Punkte bekomme ich?“ – um dann aber, vertreten durch die acht ausgewählten Juroren, doch eine 44,4 zu geben. Inhaltlich ging es übrigens um Angepasstheit und den Tipp dagegen: „Redet Unfug!“

Passende Überleitung: Zu reinen Unsinnstexten traute sich aber keiner der Finalisten – im Gegensatz zu den Vorrunden. Auch Nektarios Vlachopoulos vom Slam Pforzheim verriet zwar laut Eigenbetitelung „das bekloppte Geheimnis um Jonathan“ und erzählte auch einigermaßen Sinnleeres aus der „Twilight“-Welt. Wer den Dreh zur Idee seines Textes fand, konnte das Ganze aber eher als Karikatur auf Trivialbestseller-Sprech verstehen: „Ich erfuhr ein Geheimnis, das ich bis dahin nicht kannte“ glänzte ebenso von Redundanz wie „Je mehr ich über ihn erfuhr, desto mehr brachte ich ans Tageslicht.“ Durchaus tricky – mancher Slam-Kollege mochte nach dem Finale in nächtlicher Runde dennoch zweifeln, ob ein Text zu einem Vampir-Reißer der Meisterschaft würdig war, auch wenn man sie dem Kollegen herzlich gönnte. Denn, lassen wir die Fledermaus, pardon: Katze aus dem Sack: Der Beitrag ebnete Nektarios den Weg nach ganz oben.

Die letzte Poetin im Einzelwettbewerb war Svenja Gräfen, die für den „Koblenzer Reimstein“ antrat. Sie wählte als Metapher für ihr Thema, nämlich eine aus dem Takt geratende Orientierung im Leben, den Film im Speziellen und Allgemeinen: „Ich zappe wie durch einen Schwarz-Weiß-Film und bin frustriert: Ich versteh‘ die Handlung nicht.“ Am Ende ihres Vortrags stand die Ermunterung, sich dem Leben zu stellen: „Es ist kein Filmfehler, sondern die Realität. Willkommen zurück.“
Soweit dies sich gegen ein Übermaß an bloß virtueller „Tätigkeit“ in Facebook-Tagen verstehen ließ, präsentierte sich der Slam im Vergleich mit der Zuckerberg-Schützenhilfe beim ersten Kandidaten also auch, was Urteile zu Zeitthemen betrifft, von seiner vielfältigen Seite. Im Hostel-Foyer der Slammer auf der Reeperbahn sollte dann entsprechend durchaus Uneinigkeit zu hören sein, ob Facebook uncool ist oder ob es vielmehr uncool ist, Facebook uncool zu finden.

Für die Chronik: Im Stechen trafen Patrick Salmen und Nektarios Vlachopoulos aufeinander. Der Wuppertaler Titelverteidiger, der zuweilen mit seinem Bart gleichgesetzt wird, schickte seinen Text übers Scrabble-Spielen ins Rennen, in dem „Ulf vom Campingplatz in Italien“ als Bestandteil einer „buchstäblichen“ Killer-Kombi ungewollt einiges zum Sieg beiträgt. Sieger des Abends und damit: des Finales und damit: deutschsprachiger Slam-Meister 2011 wurde aber Nektarios Vlachopoulos: Der Grieche („kein Künstlername!“) mit dem Holzfällerhemd überzeugte mit einer Romanzen-Farce, die weniger umstritten war als sein erster Beitrag: Der von ihm Dargestellte hatte sich verliebt – in sich selbst. Ehe er sich heiratete, so erklärte sein Alter Ego mit der größten Selbstverständlichkeit (wie heißt „Alter Ego“ eigentlich im Plural?), musste er hart um sich kämpfen – schließlich war ein Mädchen wie er nicht so leicht zu haben. (Und das in Hamburg.)

Nach der Pause folgte der Team-Wettbewerb. Um sich hier auf einiges Wesentliche zu beschränken: Es siegte das Team "Totale Zerstörung", bestehend aus Julius Fischer und andré Hermann. Im Stechen schlugen sie das Quartett „Allen Earnstyzz“ mit Stefan Dörsing, Temye Tesfu, Julian Heun und Scott-Horst Kinski. Etwas ganz Zentrales jedes Poetry Slams kam hier wie auch bei anderen Acts dieser zweiten Programmhälfte doch noch eindrucksvoll zur Entfaltung: die Performance. Recht viele der Einzel-Slammer hatten zwar ihren Vortrag mittels Tempo und Stimme akustisch lebendig gestaltet, doch an optischen Effekten wenig geboten (was ja auch kein Nachteil sein muss). Nun aber: „Allen Earnstyzz“ sprühten vor Energie, sprangen über die Bühne und warfen sich im Sprung gegenseitig die verbalen Bälle zu, die von Märchen handelten und vom Verhältnis zur Wirklichkeit. Und die siegreichen Herren Fischer und Hermann legten mitreißend körperbetonte Hip-Hop-Variationen zur derzeit gern und selbstgerecht verwendeten Phrase „Es muss doch erlaubt sein…“ aufs Parkett.

Bald vier Stunden Live-Literatur: Zu schultern hatte den reibungslosen Show-Ablauf Finalmoderator Michel Abdollahi, der mit seiner souveränen, aber kühlen bis herrischen Art einen Aspekt des Slam-Finales 2011 deutlich vertrat: Professionalität.
Es ließe sich ja manches sagen über eine Kunstform, die in Chicago mit wenigen No-name-Schreibern begann und inzwischen die großen Hallen füllt. Das kann nicht ohne Folgen bleiben: Wer zwanzig Euro aufwärts für eine Karte bezahlt, der will keinen „Charme des Unfertigen“, der will Qualität. Und frech sei’s prophezeit: Wahrscheinlich dauert es auch nicht mehr lange, bis die vielgelobten „zitternden Hände“ bei Poetry Slams anerkannter Grund für Reklamation und Eintrittspreisminderung sind - leider. Aber richtig bleibt, und auch das bestätigte sich beim SLAM2011: Es gibt in der aktuellen Populärkultur wohl kaum ein anderes Format dieser Größenordnung, das vielen Bühnenkünstlern derartige Freiheiten lässt; und damit auch keines, das ebenso dem Publikum die Vielfalt eines Poetry Slams bietet. Beides betrifft Themen, Gattungen und Präsentationsformen ebenso wie Typ und Persönlichkeit der einzelnen Auftretenden. Einschränken können die Slammer diese Freiheit nur selbst: indem sie zu sehr auf den Beifall schielen.
Am Abend der ersten Vorrunden ergab sich vor der kleinen Hamburger Location „Molotow“ ein kurzer Dialog zwischen dem Berichterstatter und einem Passanten. Passant: „Was spielt denn heute für eine Band?“ – „Heute ist Poetry Slam.“ – „Ah ja. …Und was spielen die so?“ Was sie wollen, hätte man antworten mögen. Hoffentlich bleibt es so.

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Martin Hagemeyer

Martin HagemeyerWenn jemand meine Texte als "Leistung" bezeichnet, bin ich eigentlich beleidigt.