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Xóchil A. Schütz

Poetry Clip „Stillstand“ von Svenja Gräfen und Maximilian Humpert

Maximilian Humpert und Svenja Gräfen im Interview. Außerdem: der Clip
Liebe Svenja, lieber Maximilian! Zu eurem Text „Stillstand“ ist gerade ein professioneller Poetry-Clip entstanden. Erst einmal die Frage: Wie habt ihr beide euch kennen gelernt?
Svenja: Während des NRW-Slams im letzten Jahr, als ich gerade von Berlin nach Köln gezogen war.

Und was hat euch dazu bewogen, zusammen den nun verfilmten Text zu schreiben?
Maximilian: Nachdem ich letztes Jahr »Phoenix« gedreht hatte, wollte ich einen Poetry Clip in einem ähnlichen Stil machen. Mir gefiel die Idee, noch eine weitere Person dazu zu holen und Svenjas Schreibstil passte gut zu dieser Art von Video. Den Text haben wir extra für den Clip geschrieben. Es ging nicht darum, erst einmal einen Text zu schreiben und dann passende Musik und Film-Szenen hinzuzufügen. Alles sollte möglichst parallel entwickelt werden und daher von vornherein aufeinander zugeschnitten sein.
Svenja: Bei einem Slam zum Beispiel würde der Text nicht gut funktionieren, dafür ist er zu simpel konstruiert. Bei der ganzen Bilderflut und der Musik soll der Zuschauer schließlich auch noch etwas mitbekommen können und sich nicht entscheiden müssen, ob er sich eher auf die Bilder oder den Text konzentriert.

Der Text zeichnet ja ein recht düsteres Bild der Liebe.
Warum?

Svenja: Wir finden, dass er ziemlich genau widerspiegelt, wie es – ganz platt gesagt – in unserem Lebensabschnitt so um die Liebe steht. Jeder hat Angst, sich fest zu binden, alles ist kurzlebig und flexibel, wer da zuerst von Gefühlen spricht, zieht den Kürzeren.
Maximilian: Statt überhaupt verstehen zu wollen, wie es um eine Bindung steht, weicht man der Konfrontation aus und wird ironisch. Aber das bringt einen kein Stück weiter. Ironie und Sarkasmus sind doch letzten Endes auch nur Mittel, durch Unnahbarkeit seine Schwächen zu verbergen.
Genau so wollten wir es darstellen.

Wie ist die Musik zum Text entstanden?
Maximilian: Die Musik war der erste Schritt des Projekts. Bevor es überhaupt eine Textzeile gab, probierte ich verschiedene Sounds und Stilrichtungen aus. Ich wollte, dass es elektronischer klingt als beim ersten Poetry Clip.
Die Musik sollte treibend sein und sich stetig steigern. Letztlich besteht das Stück aus drei Teilen, die sich deutlich unterscheiden. Dass diese Versatzstücke am Ende zusammenpassen und die Musik auch nicht zu sehr vom Text ablenkt, war einer der schwierigsten Teile der Produktion.

Und wie kam es zu der Verfilmung des Textes?
Maximilian: Svenja und ich hatten sehr ähnliche Vorstellungen, was die filmische Umsetzung angeht. Es sollte zum Beispiel alles mit einer Spiegelreflex-Kamera gefilmt werden. Ich fing also an, ein Team zusammenzustellen: Aus meinem Studium kenne ich Arne und Ruven, die direkt Lust auf das Projekt und auch die nötige Erfahrung hatten. Die beiden waren für Kamera, Licht, Schnitt und alles weitere in der Postproduktion zuständig. Wir haben dann zusammen das Konzept ausgearbeitet und überlegt, wo wir drehen könnten.
Svenja: Beim Dreh waren wir auch immer dabei und sind so als Team doch ziemlich zusammengewachsen. Da hat dann jeder mal einen Reflektor festgehalten oder Regieanweisungen gegeben. Ich habe Leandras Make-up verschmiert und den Jungs die Gesichter gepudert. Auch verrückt, so was mal zu machen.

In dem Clip gibt es zwei Paare: euch beide, die ihr den Text vortragt sowie das „Filmpärchen“, das den Text spielt. Das ist eigen konstruiert. Zugleich haben mich persönlich die Wechsel zwischen den Paaren teilweise vom Text abgelenkt. Warum erschien es euch sinnig, mit zwei Paaren zu arbeiten?
Maximilian: Das hat zwei Gründe: Zum einen sollten die Text-Performer, also Svenja und ich, im Video zu sehen sein. Allerdings wollten wir selbst nicht zwingend als Paar interpretiert werden. Die Schauspiel-Szenen hingegen sind dazu da, das Gefühl des Textes im Stil einer Kollage wiederzugeben.
Svenja: Der zweite Grund ist ganz simpel: Wir sind nun mal keine Schauspieler. Und das wollten wir auch nicht sein, im Clip sind wir ganz klar ausschließlich die Performer.

Wie habt ihr die Schauspieler ausgewählt?
Maximilian: Wir haben zwei Leute gesucht, die altersmäßig in die Rollen passten und zudem Bühnen- und Kamera-Erfahrung haben und sich nicht nur mal als Schauspieler ausprobieren wollen.
Svenja: Jan arbeitet als Theater-Schauspieler und hat schon bei zwei Projekten von Arne mitgewirkt. Leandra haben wir – tatsächlich – durch einen Onlineaufruf gefunden.

Wie lange habt ihr an dem Clip gearbeitet?
Svenja: Etwa zwei Monate, von der Idee bis zur Veröffentlichung. Als Deadline diente uns die Einreichungsfrist des Düsseldorfer Literatur-Wettbewerbs »Compete«. Der Wettbewerb hatte eine eigene Kategorie für Poetry Clips.
Maximilian: Die letzten zwei Wochen waren am stressigsten. Wir hatten innerhalb einer Woche vier Drehtage. Am letzten Tag haben wir von vier bis sieben Uhr morgens gedreht. Danach sind wir dann alle ins Bett gefallen. Außer Arne, der hat sich erstmal an den Schnitt gesetzt.

Wie konnte der Clip finanziert werden?
Maximilian: Es war von Anfang an klar, dass uns kein wirkliches Budget zur Verfügung steht. Alle haben mitgemacht, weil sie Lust auf das Projekt hatten. Wir haben natürlich geschaut, dass die Schauspieler nicht draufzahlen müssen und immer ein wenig Catering beim Dreh vorhanden war, aber Gagen gab es nicht.
Svenja: Das Equipment gehörte zum großen Teil uns oder wir konnten es ausleihen.
In der teuersten Szene sieht man Leandra im Taxi sitzen – 15 Euro für vier Sekunden. Ansonsten wurde ja viel draußen gedreht und in Privatwohnungen. Da haben wir dann die Leute mit Bier bestochen, um drehen zu dürfen.

Was hat beim Dreh besonders viel Spaß gemacht?
Svenja: Während des Drehs der Sex-Szene saßen Max und ich hinten im Raum und haben Gummibärchen gegessen. Das war etwas skurril.
Maximilian: Svenja hat mich dann angeschaut und gesagt: „Jetzt weiß ich wieder, warum nicht wir die Schauspiel-Szenen drehen.“
Svenja: Ansonsten hat es vor allem Spaß gemacht, mitzubekommen, wie die Bilder, die wir im Kopf hatten, allmählich abgedreht wurden, und dass sie funktionierten und sich nach und nach zusammenfügten.

Gab es auch etwas, das blöd und nervig war oder schief gegangen ist?
Svenja: Nach sechs, sieben Stunden Dreh geht man sich schon ziemlich auf die Nerven. Aber ansonsten ist alles erstaunlich glatt gelaufen, was auch daran lag, dass alle gleichermaßen begeistert waren von dem Projekt.

Was für Pläne habt ihr für die nächste Zeit?
Maximilian: »Stillstand« wird sicher nicht der letzte Poetry Clip sein, bei dem ich mitwirke. Ich sehe da noch sehr viel Potenzial und hoffe, dass sich noch mehr Leute an diesem »Genre« versuchen.
Svenja: Ich schreibe gerade viel, was nicht unbedingt primär auf die Slam-Bühne soll – und finde es spannend, verschiedene Kunstformen zu verbinden und solche Projekte zu realisieren. Ich habe auf jeden Fall Lust, mal wieder einen Poetry Clip zu drehen.

Vielen Dank für das Interview!

Und hier gibt es den Clip:

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Xóchil A. Schütz

Xóchil A. SchützAutorin, Spokenword-Poetin, Diplom-Politologin
*1975

Seit dem Jahr 2000 Lesungen und Auftritte in Deutschland, Österreich, der Schweiz, Italien, Belgien, Kroatien, Tschechien, der Slowakei, Polen, Lettland, der Ukraine und den USA

Diverse Preise und Stipendien
Zahlreiche Einzelpublikationen