MySlam.net ist ein Web-Portal, das sich mit Poetry Slam, Spoken Word und Bühnenliteratur befasst. Hier findest du Poetry Slam Locations, Termine, Poeten und Multimedia.

Forum - Poetry Slam Magazin - Anti-Utopisten? Radikale Hedonisten? Kindergart...

Xóchil A. Schütz

Anti-Utopisten? Radikale Hedonisten? Kindergarten auf Koks?

Jan Off, der vor zwölf Jahren den „National Slam“ gewann, hat mit „Happy Endstadium“ einen Roman über die linke Szene in Deutschland geschrieben.
Fünf Autonome, vier Männer und eine Frau, leben gemeinsam in einer WG. Sie trinken neben Bier gerne Sekt, und lieber als billige Kleidung tragen sie Markenklamotten.
Letzteres hält sie nicht davon ab, politische Aktionen gegen Edelboutiquen in ihrem Kiez zu starten. Mit Urinbomben werden Kunden, mit Pflastersteinen Fensterscheiben malträtiert.

Obwohl sich die fünf Protagonisten in ihrer WG um eine hierarchiefreie Kommunikation bemühen, menschelt es stets: Man hat sich zuliebe der schönen, vegan lebenden WG-Dame Julia auf eine vegane Lebensführung geeinigt - heimlich im Zimmer und später offen in der Küche wird aber Fleisch gegessen.
Man findet eine politische Aktion moralisch falsch - aber Julia zuliebe wird sie durchgezogen.
Insbesondere der Icherzähler ist so verliebt in die schöne, starke Frau, dass Verstand und Moral immer wieder abgeschaltet werden, wenn die Chance besteht, damit in Julias Gunst zu steigen. „Ihr zu Ehren würde ich mich mit einem Lächeln auf den Lippen totschlagen lassen“, heißt es an einer Stelle. Das klingt konsequent, aber nicht sehr autonom.

In der linken WG werden Alkohol und Drogen zuhauf konsumiert. Mit der Energie, die noch bleibt, werden (teils zusammen mit weiteren Personen) diverse politische Aktionen geplant und durchgeführt, die unter „Freizeit und Abenteuer“ oder „Feierabendvergnügen“ verbucht werden.

„Happy Endstadium“ ist unterhaltsam, macht immer wieder Spaß und lässt sich schnell weglesen.
Jan Off ist ein Meister der kleinen, bösen Witze und der schönen, überraschenden und manchmal derben Details.
Wer bei der Lektüre den Kopf jedoch nicht öfter abschaltet, beginnt, sich ob der Gedankenlosigkeit der Protagonisten Sorgen zu machen: Sie nehmen immer wieder in Kauf, bei ihren "politischen Aktionen" Menschen zu schädigen und in ihrer Gesundheit zu gefährden.

Am Küchentisch der WG wird gelegentlich über die Unzufriedenheit mit dem kapitalistischen System gesprochen. Aber so, wie der entfesselte Kapitalismus nicht genug bekommt, bekommen die Protagonisten nicht genug: nicht genug Zigaretten, Alkohol, Drogen. Der eigene Körper wird genauso ausgebeutet wie der entgrenzte Kapitalismus Mensch und Natur ausbeutet.

Als Leser bekommt man dennoch das trügerische Gefühl, das „Happy Endstadium“, in dem sich die WG-Bewohner befinden, könne ewig weitergehen. Und man wartet darauf, ob der Icherzähler die bewunderte, begehrte Julia eines Tages bekommt.

Dass der Icherzähler gelegentlich in Zweifel zieht, was in der WG gedacht und getan wird, ist angenehm.
Warum der Zweifel sich kaum in Handlungen niederschlägt, erklärt der Roman nicht. - Außer, man kann nachvollziehen, dass ein erwachsener Mensch wegen der Hoffnung auf Sex und Spaß die Unversehrtheit unbeteiligter Menschen hintanstellt.

Mich persönlich hätte interessiert, warum die fünf Protagonisten sich der linken Szene angeschlossen und welche Lebenserfahrungen sie gemacht haben, dass sie sich exzessiv der Selbstzerstörung durch Alkohol und Drogen hingeben, dass sie demokratische Staatsgebilde und schließlich gar die Menschheit zerstören wollen.

Auf diese Fragen gibt das Buch keine Antwort.

Wer einige unterhaltsame und teils lustige Stunden mit einer linken, hedonistischen WG und der schmissigen Schreibe von Jan Off haben mag, kommt bei „Happy Endstadium“ auf seine Kosten.

Wer mehr erwartet, kann sich (und vielleicht anderen) nach der Lektüre immerhin ein paar Fragen stellen.



Jan Off: Happy Endstadium
Roman
264 Seiten
Ventil Verlag 2012
14,90 Euro

Xóchil A. Schütz wird gesponsort von MySlam

MySlam

MySlam:
Living Poets Society


Weitere Informationen zum Sponsoring Program auf MySlam.net': Kunst.Brot.Los!

Folge uns

Twitter   Facebook   MySpace  

Xóchil A. Schütz

Xóchil A. SchützAutorin, Spokenword-Poetin, Diplom-Politologin
*1975

Seit dem Jahr 2000 Lesungen und Auftritte in Deutschland, Österreich, der Schweiz, Italien, Belgien, Kroatien, Tschechien, der Slowakei, Polen, Lettland, der Ukraine und den USA

Diverse Preise und Stipendien
Zahlreiche Einzelpublikationen