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Tobias Kunze

Auch Emails haben mit Sprache zu tun

Liebe Leute, Kollegen, Neulinge:

immer häufiger kriege ich in Zeiten des Slambooms und der scheinbaren Selbstverständlichkeit von ständigen Slamauftritten von -- vorwiegend jungen -- Slammern scheinbar mit heißer Nadel gestrickte oder direkt vom Klo verschickte eMails mit Anmeldungen zu meinen Veranstaltungen, deren Inhalt die wunderschöne, zugegebenermaßen auch schwierige deutsche Sprache zu ausgekotztem Hack degradieren.

Wenn ich jemanden nicht kenne geschweige denn weiß wo er wohnt und wie (mit wieviel Fahrtkosten) er zu meinem Slam kommen will, dann will ich keine Mails erhalten wie (hier mal übertrieben veranschaulicht):

(superfraggle98@fatzebuk.net)[Beispielmailadresse]"Hi, ich wil mitslamen darf ich:-)))??!!?"
Oder
(funkyfucker@bobelhobel.de)[Beispielmailadresse]"Heyyyyyyy is nochn platz frei will ans mic peace!"

Deshalb an dieser Stelle ein kleiner Benimmkurs für diejenigen, die kommunizieren wie eine Horde Jungspritzer bei McDonald's und ihre Slamtexte per SMS tippen. Auch wenn Slam gerade total geil, trendy, selbstverständlich und Open Source rüberkommt, gibt es immer noch Veranstalter, die sich Mühe geben mit ihren Veranstaltungen (und nicht einfach in irgendeinem Container für Fahrtkosten von maximal 5 Euro jeden auflaufen lassen der sprechen kann) und sich das Gegenteil von gewürdigt fühlen, wenn derlei Mails ins Postfach flattern. Ergo:

0.) Man empfiehlt sich vor allem als Slammer, indem man zeigt, dass man die deutsche Sprache beherrscht. Bildet ganze Sätze und beachtet die wundervolle Welt der Interpunktion.

1.) Wählt wenigstens eine der halbamtlichen Begrüßungsfloskeln wie "Moin", "Sers", "Heda" oder "Yo!" anstatt mit dem Hackebeil in die Haustür zu fallen

2.) Stellt euch erstmal kurz vor (Dienstgrad, akademische Titel, Zuchtpreise ... NICHT, es reichen Name und Wohnort, sowie, gerne auch mal, ein kurzer Abriss über bisherige Slamerfahrung) anstatt davon auszugehen, dass euch in Zeiten von studif*tze, f*tzebook und myscheiß sowieso jeder kennt oder googelt

3.) Schreibt, woher ihr kommt, wieviel Fahrtkosten und vielleicht auch welche BahnCard ihr habt und fügt ggf. hinzu, ob ihr eine Tour zu mehreren Slams in Folge beabsichtigt.

4.) Sollte eine megaverpeilte Anmeldung vielleicht zu eurem Image gehören, so geht nicht davon aus, dass derjenige Veranstalter von diesem bereits unbedingt gehört haben muss. Slammer, die ich lange schon kenne, dürfen mir natürlich sogar ins Emailpostfach pinkeln, wenn sie denn wollen (und können). Aber mir geht's um eine gewisse Wahrung von Etikette. Und letztendlich ist eine Mail mit allen wichtigen Infos für den Slam-Veranstalter, der sowas nicht zwingend hauptberuflich macht, einfach übersichtlicher.

5.) Andererseits: Geht nicht davon aus, dass eine extrem blumige und übertrieben mit Stilblüten voll krudem Humor geschmückte Anmeldungsmail auch vom Veranstalter mit demselben Humor rezipiert wird (Mittelalterformulierungen zum Beispiel sind, wenn nicht extrem innovativ ausgestaltet, out seit dem WERNER-Film). Bleibt sachlich, flechtet allenfalls ein paar gewitzte Nettigkeiten ein und lasst lieber eure Texte bei Slam selbst für eure Kreativität sprechen.

6.) Zum Abschluss: Sich hier bei myslam.de einfach für einen Termin eintragen und überhaupt nicht anmelden aber dann davon auszugehen, im Slammerfeld gesetzt zu sein und Fahrtkosten zu kriegen geht gaaaar nicht! Absprache regelt. Alles andere saugt.

Und 7.) Sich ohne Anmeldung bei myslam.de eintragen, aber dann nicht zu kommen, ohne irgendeine Form der Kommunikation sorgt für Verwirrung und ist unfair den Veranstaltern gegenüber, die das Forum myslam.de auch als Übersicht über die angemeldeten, slamwilligen Teilnehmer nutzen.

Zusatz für alle frischen Slammer: Nach gerade mal ein, zwei Slamteilnahmen (und auch gerade mal ein, zwei Textwerken!) ist es nicht ratsam, gleich den ganzen deutschen Sprachraum erobern zu wollen. Haltet anfangs den Ball flach, feilt an eurem Oeuvre, probiert euch beim monatlichen Heimslam aus und erkundet nach und nach umliegende Slams. Die Wikinger haben auch nicht geich nach dem ersten Haus ein Schiff gebaut um nach Amerika zu segeln (wobei, das weiß ich nicht genau, aber lange im Gedächtnis der amerikanischen Geschichte sind die jedenfalls nicht geblieben).
Wenn bereits ein, zwei weniger erfahrene Slammaster euch bei ihrem Slam in einer weit entfernten Stadt herzlich willkommen hießen und eure Fahrtkostenrechnung von über 100 Euro unter Organspenden begleichen konnten, dann reicht das noch lange nicht als Referenz oder Berechtigung, auch alle anderen Slam-Hochburgen locker stürmen zu können.


Mit besten Grüßen,


-tobi-
www.myspace.com/tobiaskunze