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Poetenmode Teil 1: Mach Kapuz, was dich Kapuz macht, Chuck!

„Was ist Mode? Vom künstlerischen Standpunkt aus ist's eine Form der Hässlichkeit, die wir alle sechs Monate ändern müssen.“ Oscar Wilde
Ich beobachte die Slam-Szene schon recht lange.
Das ist einer von den Sätzen, bei dem man alles außer „schon“ in Anführungszeichen setzen müsste, was ich nicht tue, dafür aber soeben das „schon“. Sonderbar.
Außerdem klingt der erste Satz mild bedrohlich; er hat was von Thriller-Monologen, wobei mir folgender der liebste ist:

(Mit Blick in den Rückspiegel) »Wir haben Gesellschaft.«

Das ist es ja: Wir haben Gesellschaft, und solange wir die haben, wird es Mode geben … und die Weigerung, sich mit ihr zu befassen, beziehungsweise so zu tun. »So zu tun« ist der Schlüssel.
Ich selbst habe die Erfahrung gemacht, dass schwarze, wallende Kleidung bei mir am Besten wirkt, vor allem, wenn ich mich damit in eine abgedunkelte Garage stelle.
Das kann natürlich nicht auf alles und jeden zutreffen, und die Damen möchte ich aus diesem kleinen Exkurs völlig heraus nehmen, denn DAMENMODE ist ein Thema, das sowas von für sich ist, dass man da gar nicht dran gehen sollte, weder als Frau noch als Mann oder als alles andere, durch dessen Adern Menschenblut strömt – da fehlt mir auch Eignung und Neigung, was man von langen Sätzen nicht behaupten kann.
Finger weg von Frauenmode.
Stattdessen richten wir den Blick auf, Obacht, ganz üble Phrase, die Herren »der Schöpfung«.
Schöpfung wie »Modeschöpfer«, ein nicht minder dämliches Wort.
Suppe kann man schöpfen.
Deswegen sollte die »Schöpfungsgeschichte« nur davon handeln, wie eine unsichtbare Macht Fischsuppe in eine Mulde kloppt, was ja bei der Erschaffung der Weltmeere auch so stattgefunden hat, leger betrachtet.
Jetzt die Kurve zu kriegen ist heikel, deswegen:

I.Der Kapuzen-Sweater

Kein Kleidungsstück im geräumigen Setzkasten deutscher Poeten wird häufiger eingesetzt.
Nachdem ich einige Zeit »geslammt« hatte, besaß ich ebenfalls einen.
Ich weiß nicht, wo er herkam. Scheint so ähnlich zu funktionieren wie bei der Zahnfee: Du schreibst vier Texte, und eines morgens liegt so ein ausgebeultes Kapuzending in deinem Schrank.
Bei Andy Strauß scheint es allerdings weniger die Zahnfee zu sein, sondern der Geist der Weihnacht, nur dass dieser durch einen Geburtskanal aus Plakafarbe glitt und sich dann einen heißen Lötkolben ins Ohr stieß.
Ich sage das voller Hochachtung.
Was Strauß da mitunter trägt, hat das Sweatergespenst im Fieberwahn genäht.
Rauten mit Augen, kreischende Trapezoide, aufdringliches blau, hirnrissige Mikro-fuckfuckfuck-Schriftzüge, in Shopping-Malls bettelnde Eichhörnchen, alles.
Ich muss jeden warnen: Findest du irgendwann eine Kapuzenjacke von Andy – zieh sie NICHT über!
Sie passt dir so wenig wie Cinderellas Pumps aus Sicherheitsglas. Das würde an Kannibalismus grenzen.
Das sind Andys Klamotten. NICHT KOMPATIBEL, egal, wer du bist.
Nicht mal Andy Strauß selbst ist sich manchmal sicher: »Kann ich die anziehen? Bin ich es?« Er hat deswegen extra 1789 Leute, die ihm auf Youtube bestätigen, dass er es ist.
Gutes Konzept. Ich hab w.g. auch eine Kapuzenjacke. Kein Motiv außer dem Firmenlogo.
Ohne THE CAMBRIDGE SUMMER OF 69 WAS SO NICE oder DONT TELL ME ONE FROM THE HORSE.
Also: Wenn du ein ganz frisch geschlüpfter Poet bist, dessen allererster Text einen oder alle der folgenden Begriffe beinhaltet:

WG, Deutsche Bahn, Hack, tote Hunde, Drogen, Facebook, BWL, Freud, Westerwelle

… dann kauf dir auf der Stelle eine Kapuzenjacke. Ist so, als würdest du dich bei einem Ego-Shooter hochleveln. Ohne K-Jacke: 6 Punkte Durchschnitt. Mit K-Jacke: 8 Punkte.
Funktioniert. Habs getestet.

II. Chucks, bürgerlich: Converse Allstars.

Keine Ahnung, ob diese Stoffschlappen so exzessiv getragen werden, weil im Firmennamen VERSE vorkommt,
oder weil man denkt, man würde prickelnderweise gesetzeswidrig Mr. Norris Pantoffeln auftragen,
fest steht: ganz häufig anzutreffender Poetenschuh.
Bei näherer Betrachtung fällt auf, dass so ein paar Converse zwei unbestreitbare Vorteile hat:

1.Man merkt auch als Blinder, wenn man in eine Pfütze tritt.

2.Schön teuer.

Im Prinzip ein Schuh für Blödmänner.
Ich habe vier Paar.
Schwarz (passt zu allem), grau (passt zu fast allem), weiß (passt, falls ich mal Komparse auf dem Traumschiff werde), grün (Ochsenfrosch-Kostüm).
Ohne Scheiß jetzt mal: 89 Euro für LEINENSCHUHE?
Und ich will nie wieder hören, dass jemand sagt » … die habe ick ausn USA, da kosten die 9 Dollar, dit ist ja nicht wie hier, würd ick och nicht mitmachen.«
Dafür spricht indes, dass James Dean Chucks trug.
Oder Steve McQueen.
Dummerweise auch Pete Doherty. Und zumindest die beiden Erstgenannten trugen ihre Chucks sauber, gepflegt, makellos und schön mit gebundener Schleife. Der Trend geht aber zu Dohertysierung dieser Treter, weswegen meine schwarzen Chucks leider zu gut aussehen, um damit aufzutreten. Ich arbeite bereits daran, aus fabrikneuen Converse jene »du, die hab ich schon seit 91 oder so«- Chucks zu machen.
Da braucht man nicht viel:

1.Eine Blaskapelle mit Fußballstollen, die eine Woche drüber marschiert.

2.Mit Fett eingeriebene Chucks und 5 Pfund tollwütige Frettchen.

3.Eine Pumpgun. Knapp vorbeischießen, sonst kann man sich nur noch die Sohlen mit Teppichklebeband an den Füßen befestigen.

4.Die Chucks einer im Rhein-Herne-Kanal einer treibenden Hirschleiche überziehen, die Schuhe dann nach vier Wochen bergen. Sieht wild aus. Riecht auch so.

5.Zehn Jahre nur zuhause tragen. Die Wohnung knöchelhoch mit Kies aufschütten.

6.Gebraucht bei eBay kaufen. Ekelhaft, ja, aber man spart bestimmt 5 Euro.

Während ich also darauf warte, dass meine Schlappen schneller altern als meine Fresse, trage ich Schnürschuhe von SALAMANDER.
How hip ist that denn?
Nicht so arg, Lurchi hin oder her.
Aber Chucks müssen nun mal reifen wie Serranoschinken.
Ich selbst werde mir einen Obdachlosen mieten.
Der kriegt die Füße mit Alufolie verkleidet und trägt mir die dann ein.
Das war natürlich ein zynischer Scherz.
Da ich möchte, dass die vorderen Kappen schön abgestoßen sind, mache ich das mit Hooligans.
Da kann ich zwischendurch auf RTL Explosiv sehen, wie weit meine Chucks gediehen sind.
Ich warte übrigens immer noch darauf, endlich mal einen Poeten zu treffen, der eine Lederkrawatte trägt. Im Ernst. Wirft natürlich die Frage auf: Soll man das tragen? Soll man.
Ja sicher.
Wenn du Zorro bist.
Und der macht das nicht. Er ist ein großer Verfechter des bis zur Schambehaarung aufgeknöpften Hemdes, man möchte sagen: ein Einpeitscher des Legeren.


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