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Sprengkraft

Von Eurocrash bis Ehrensold – die Eliten der Republik haben abgewirtschaftet. Nun aber führt der Gedichtzyklus „wahnpalast“ die Akteure des Staatsversagens vor. Lyrik aus einer Zeit des Umbruchs zwischen Occupy und Tea Party, zwischen Campact und Terrorzellen. Ein Werk, dem es um mehr geht.
Hier stellt sich ein Autor den Geschehnissen, und er beherrscht seine Themen radikal - in einem Ton, so hitzig und eisig zugleich, wie man ihn seit Jahrzehnten in der Lyrik nicht vernommen hat. Bereits die Gedichtüberschriften wie „angstbürger wütet“, „bruder weltverbesserer“ oder „euroskepsis“ sprechen eine deutliche Sprache. Brennende Lunten führen zum Wahnpalast der Tagespolitik, ihrem „basar der blasen“.

Im Wechsel aus Formstrenge und freier Form entwickelt die Sprache eine äußerst dynamische Wirkung. So in dem Gedicht „bankrott auf raten“ maximal verdichtet: „hoch die genossen bonzen!/ statt brot/ und rosen/ zum zoff um kaisers bart/ parolen klotzen“. Bildhaftigkeit, Klangstruktur und performative Sprengkraft bilden in der Komposition der Texte ein Ganzes. Eine kulturkonservative Rückkehr zur Aura des Werks? Jein. Denn Boris Preckwitz vermeidet konventionelle Zuschreibungen. Als formaler wie inhaltlicher Provokateur.

Wer ist der Autor? Vor 15 Jahren zählte Boris Preckwitz zu den Gründern der deutschen Poetry-Slam-Szene. Ernüchtert klang seine Zwischenbilanz der Bewegung in seinem Gedichtband szene•leben (Passagen Verlag 2009, Gedicht „slam“). Es gefiel nicht, was sich im Slam mit Bedeutung auflud. In einem Format, das den leichtesten Weg der Literatur zu begünstigen schien: eigenes Talent zu vergeuden und das Publikum zu unterfordern. Stattdessen nun dies: eine Lyrik, die keine Kompromisse macht, die für Jahrzehnte in die Zukunft vorgreift und nicht nur für fünf Minuten auf einer Bühne.

Warum soll man diesen Band lesen? Es ist eine Stimme aus einer Zukunft rücksichtsloser Verteilungskämpfe. Der Zyklus greift jene Zeitstimmung auf, die der Soziologe Alain Ehrenberg unlängst als „Das Unbehagen in der Gesellschaft“ („La societé du malaise“) beschrieb. Diesem stellt die Instanz des lyrischen Ichs eine selbstverantwortliche Haltung gegenüber, die in der Autonomie und im absoluten Freiheitswillen des Einzelnen begründet ist.

So wird auch jenes Eurobrüssel als „wahnpalast“ enttarnt, das sich noch immer als Lösung für ein Problem betrachtet, dessen eigentliche Ursache es ist: „sieh an/ eminenz leviathan!/ in großer spendierpose/ knallt sich/ nen dicken schlag paragrafen/ ran an die waffel -/ stoff für den zwangsstaat/ schlaraffia schlamafia“ – ein lyrischer Stil, der durchaus ins Zynische umschlägt, wenn er die Transfer-Mentalität von Pleite-Parteien behandelt: „kannst deine kader/ dort am syntagmaplatz/ nach der hand schnappen lassen/ von der sie schmarotzen“. Politische Korrektheit, wie sie in Wahrheit klingen sollte. Ein Wagnis, aber eines, das die deutsche Lyrik zurück holt ins tätige Leben.

Virtuos verdichtet sich der Text aus Tendenzlyrik und Spoken Word, setzt Punk, Pop und Agitprop ein, spielt mit Anklängen an Avantgarde und Vormärz, erzeugt performative Sprengkraft bis zur Tribünenlyrik im zehnten Gedicht des Zyklus „greift ein, wo der staat sich zuerst dient,/ und diesem staat dient euch nicht an“. Solche leicht klingenden Zeilen sind die Präzisionsarbeit. Ein Kabinettstück politischer Lyrik.

Boris Preckwitz: wahnpalast, hochroth Verlag Berlin, 22 Seiten, 6 Euro, ISBN 978-3-902871-01-5
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