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foro - Texte - Warten

Benedict Hegemann

Warten

Guten Abend, gute Nacht und guten Hunger.
Ich möchte einen Text vorstellen, den ich schonmals vorgetragen hatte (Marburg, KFZ, mein erster Auftritt) und merkte, dass er nicht bei allen gut ankam, wohl, weil er ernsteren Gemütes ist und das Publikum eher lacht als denkt.
Ich habe ihn etwas umgeschrieben.
Vielleicht findet jemand die Zeit, sich durchzulesen.
Und bevor der letzte Satz vor dem Text kommt: Danke für das durchlesen im Voraus!
Achja und bevor der SlamText kommt: Ich steh auf scharfe Kritik ;) Roar!


Warten

Wir warten
Wir warten worauf, doch
Worauf warten wir?

Ihr wartet darauf, dass mein Text anfängt,
Auf dass der Typ auf der Bühne mit seinem Drama beginnt
Wartet darauf, dass Zeit verrinnt
Doch worauf warten wir wirklich?

Vielleicht auf einfach mehr Zeit
Mehr damit verbundene Freiheit
Zu gehen, wann, wohin man will

Vielleicht auf den Wunsch, dass Zeit
Von nun an stehen bleibt
Nie mehr vergeht
Sich der Zeiger nicht mehr dreht
Man stehen bleibt,
Endlich einmal atmen kann
Sich umblicken kann
Und sehen kann
Was man dann
Spürt, erlebt und fühlt
Intentionen, wonach man sonst nur wühlt
Die sonst im Rausch der Zeit verschwinden
Und dann nicht mehr zu finden sind, denn
Das Ticken der Uhr
Hat sich unser angenommen
Vom Uhrwerk ganz benommen - Tick
Taumeln wir beklommen - Tack
Werden von der Zeit kontrolliert - Tick
Unsere Seele hat sie annektiert - Tack

Dennoch glauben wir, halten wir fest an der Zeit
An einem chronisch gleichmäßigen Ablauf von Takten
Wir hören die metronomen Intervalle
In unseren inneren Hallen schallen
Doch was uns nicht auffällt
Ist, dass es uns aufhält

Worauf warten wir?
Was trägt denn noch den Wert
Bei dem es sich lohnt d'rauf zu warten?
Geld? Das Warten auf Geld?
Fehlt in unserer Leistungsgesellschaft
Die allzu nötige Leistungsbereitschaft
Hat es keinen Sinn auf Geld zu verweilen,
Dir lässt als Bettler niemand Geld zuteilen

Worauf warten wir?
Was trägt denn noch den Wert
Bei dem es sich lohnt d'rauf zu warten?
Liebe? Das Warten auf Liebe?
Liebe kommt und geht
Kaum ist sie da - wird sie verweht
Ob du d'rauf wartest oder nicht ist gleich
Falls sie kommt wirst du rot - falls nicht, dann bleich

Worauf warten wir?
Was trägt denn noch den Wert
Bei dem es sich lohnt d'rauf zu warten?
Termine? Das Warten auf Termine?
Was sind denn verabredete Zeitpunkte,
Die man im Endeffekt nie wollte
Im Vergleich zu freien Fluchtpunkten
Die das Herz doch eigentlich haben sollte?

Worauf warten wir?
Was trägt denn noch den Wert
Bei dem es sich lohnt d'rauf zu warten?
Poetry Slams? Das Erwarten von Poetry Slams?
Menschliche Freuden, vorgetragen von lustigen Leuten
Die ihre Zeit vergeuden anderen Leuten Frohsinn zu unterbreiten?
Frohsinn, der sich ein paar Stunden hält, wenn man ihn erhält
Frohsinn, den man behält, bis man sieht, dass er sich nur verstellt.

Worauf warten wir verdammt?
Hat van Gogh gewartet sich sein Ohr abzuschneiden?
Hat John Wayne gewartet in die Freiheit zu reiten?
Hat Schuhmacher gewartet die Ziellinie zu überschreiten?
Wartet ein Furz darauf sich zu verbreiten?
Würden Kinder darauf warten Gemüse zu meiden?
Hat Jesus gewartet, um 'ne Woche später erst am Kreuz zu leiden`
Würden wir warten den Stuhlgang zu spät auszuscheiden?

Wartet eine Schlange darauf ihre Haut abzustreifen?
Oder ist sie wie wir - und kommt doch nicht aus ihrer Haut?

Wartet die Zeit denn auf uns?
Oder hinken wir hinterher, wenn sie uns davonläuft?

Die Zeit drängt und verdrängt und ertränkt uns
Im Abyssal von Terminen, Meetings,
Dates, Uhrzeiten Zeitpunkten
Doch ohne Blick auf besagte Fluchtpunkte
Ziehen Augenblicke an uns vorbei
Und ist Schönes nur graues Einerlei
So sind wir fixiert auf nichtige Wichtigkeiten
Und vergessen wichtige Nichtigkeiten

Der Zeitdruck im Mühlenrad der Welt
Zermahlt uns, zerquetscht uns, zerdrückt uns,
Zerteilt uns, Zerpflückt uns, zerstückt uns
Zu Körnern in der sanduhr der Welt
Zu klein, um uns gegen den Druck aufzubäumen

Doch so klein sind wir nicht!
Ich alleine bin 1,80
Und mit meiner inneren Größe noch viel größer!
Groß genug um aufzustehen
Dem entgegenzustehen
Jetzt wo wir vielleicht alle verstehen
Dass wir auf Nichtigkeiten warten
Kann ein Jeder aufhören zu warten!
Können wir die Zeit endlich genießen
Es kommen nicht nur die Harten in den zeitlosen Garten!
Lasst euch nicht mehr verdrießen
Falls der Bus nicht kommt, wenn ihr im Regen steht
Falls der Arzt nicht kommt, wenn ihr konkret im Sterben liegt
Und warten müsst!

Doch wie können wir das Warten unterbinden?
Wir schinden uns so oft
Warten
Schauen auf die Uhr
Dann warten wir erneut
Schauen nochmals auf die Uhr
Wie oft
Hat sich die Uhrzeit nicht verändert!
Doch sobald ihr eure Uhr vergesst
Euch die Zeit nicht mehr stresst
Hört ihr auf zu warten
Wartet auf keine Nichtigkeiten mehr!
Und ich kann euch jetzt unterbreiten:

Die Zeit kann endlich nicht mehr verinnen
Die Zeit fängt dann an zu gerinnen


Poetische Grüße
Benedetto