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forum - Poetry Slam Magazin - Die Sache mit der Textwahl

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Die Sache mit der Textwahl

„Was meinst du, stehen die hier mehr auf lustige oder auf ernste Texte?“
Ich zucke mit den Schultern, weil ich es in diesem Fall tatsächlich nicht weiß, und nicht etwa deswegen, weil ich ein unfreundlicher Mensch bin, der auf Kommunikation verzichtet. „Ich bin zum ersten Mal hier, ich kenne hier weder die Dynamik des Raumes noch das Publikum.“
„Hm“, brummt mein Gegenüber und wühlt in seiner Textmappe, „ich hätte ja was Lustiges, aber ich bin mir nicht sicher, ob das ankommt.“
„Hm“, brumme ich nun, weil ich mir sicher bin, dass ich nicht weiß, ob das ankommt, weil ich den Text nicht kenne, den Slammer kenne ich im Übrigen auch nicht und das Publikum und die Dynamik des Raumes sind mit ebenfalls immer noch unbekannt.
„Auf der anderen Seite habe ich noch einen ernsten Text, der meistens richtig gut einschlägt“, redet er weiter. „Meistens, ich bin damit auch schon mal durchgefallen.“
„Das kann natürlich vorkommen“, antworte ich, weil ich mir sicher bin, dass das passieren kann. Im Grunde genommen kann ja alles passieren, immer und zu jeder Zeit, es könnte uns jetzt auch ein Flugzeug auf den Kopf fallen, dann schlägt ganz etwas anderes ein und das Publikum entscheidet sich gar nicht.
„Ich warte mal ab, was der macht, der als erstes dran ist“, sagt der Mann neben mir. „Wenn das mit einem lustigen Text klappt, dann mache ich auch einen lustigen Text...“
In diesem Moment muss ich an mein Spiel mit den Leitpfählen denken, die schwarz-weißen Dinger an den Straßen, die nachts immer so schön blinken und die ich immer gezählt habe: Wenn es eine ungerade Zahl war, dann trank ich abends noch eine Flasche Martini, wenn es eine gerade Zahl war, dann musste ich versuchen, die Strecke vom Auto bis zur Haustür in weniger als 15 Sekunden zu schaffen, um noch an den Martini zu kommen. Und wenn auch das schiefging, trank ich zum Trost eine Flasche Wodka. Zumindest hatte ich auf diese Weise kein Problem mit fehlender Flüssigkeit, schließlich soll der Mensch täglich mehrere Liter trinken. Außerdem braucht die Haut über 30 mehr Feuchtigkeit.
„...oder ich mache dann einfach doch den ernsten Text.“
Ich nicke, weil ich jetzt gar nicht mehr weiß, was der Mann meint, warum und wann er den Text lesen will, was vorher alles passieren muss, damit er ernst wird, welche Ereignisse eintreten müssen, damit er lustig wird. Etwas unmotiviert und vollkommen aus dem Zusammenhang gerissen sage ich dann: „Ich werde das machen, was mir am meisten Spaß macht.“
„Hm“, brummt der Mann neben mir, „du holst dir aber jetzt einen runter?“ Und dann lacht er.
Und ich bekomme einen roten Kopf. Ich glaube, das liegt daran, weil ich jetzt wütend werde, gute Freunde wissen aber, dass es einen anderen Hintergrund haben könnte. „Nein“, würge ich hervor, „ich meinte damit meine Textwahl.“
„Schon klar“, grinst er, „du hast doch sowieso nur ernste Texte.“
„Ja“, sage ich und nehme mir vor, jetzt nichts mehr zu sagen. Erst wieder auf der Bühne. Und in Gedanken schreibe ich einen Text über die Slammer, die selbst nicht wissen, welchen Text sie vortragen wollen und ihre Entscheidung vom Publikum abhängig machen, statt einen eigenen Willen zu haben, ich schreibe, wie erbärmlich ich es finde, keine eigene Meinung zu haben und opportunistisch sich danach zu richten, wie man den meisten Erfolg auf der Bühne haben wird, statt mit einem Text eine Aussage zu machen, die auch dann noch Bestand hat, wenn ich wieder zu Hause bin. In Gedanken schreibe ich immer weiter, während der Slammer neben mir aufgerufen wird und auf der Bühne mit brillanter, ernsthafter Lyrik gnadenlos scheitert. Hektisch wühle ich in meinem Kopf und suche nach dem einzigen lustigen Text, den ich irgendwann mal geschrieben habe, um eine Runde weiter zu kommen und betrete die Bühne mit einem siegessicheren Lächeln. Die folgenden fünf Minuten sind ein Spießrutenlauf durch ein Publikum, das genau spürt, dass ich den Text nicht aus Überzeugung, sondern aus Berechnung mache. Woher soll ich auch wissen, ob die lieber lustige oder ernste Texte wollen.

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schriftstehlerÜber mich gibt es nicht viel zu sagen, denn vieles davon ist unter anderem gar nicht interessant, nebensächlich oder gar vorher schon zu langweilig, als dass es nachher noch an Bedeutung gewinnen könnte. Über mich etwas zu schreiben, mag vordergründig sehr wichtig sein, bringt mich aber in der Regel vom rechten Weg der Gedanken ab, da mir dann zu viele linkische Dinge in den Sinn kommen, die mit mir und dem was ich oberflächlich alles so tue, am Ende das Thema so weit verfehlen, dass es an Unterschlagung grenzt. Ob nun also über, unter, hinter oder vor mich etwas zu schreiben wäre, ob es rechts oder links stehen müsste, das weiß ich alles nicht. Ich habe das Feld "Über mich" gefüllt, bezweifle aber, das es über mir stehen wird.

Und: Ja, ich lebe von der Kunst. Nein, nicht vom Poetry Slam.